Ich bin ja eher selten um 11 Uhr zuhause, da ich ja brav studiere.
Das hat die Post allerdings noch nicht eingesehen und bringt ihre (also eigentlich meine) Päckchen immer um diese Uhrzeit vorbei.
Also muss ich die Dinger immer beim Postamt um die Ecke abholen.
Im Postamt gab es 4 Schalter, zwei waren besetzt und an beiden bildete sich in etwa eine Schlange von ca. jeweils 5 Leuten.
Nicht weiters schlimm eigentlich, ich stell mich also in die Schlange und beobachte das geschäftige Treiben. Weil ich so unendlich höflich bin, hab ich die MP3-Kopfhörer natürlich aus den Ohren genommen und das Ding abgedreht (auch wenn ich meine Musikauswahl für die Beste auf meinem Planeten halte, hab ich trotzdem nicht das Verlangen sie jedem aufzuzwingen).
Ich steh also friedlich mit meinem Abholzettel da als ich eine knausrige Stimme höre:
“Ich trauere der alten Post nach…”
Ich dreh mich um und sehe eine alte Frau irgendwas zwischen 75 und Verwesung. Sie wiederholt ihren Satz, weil ihr anscheinend niemand Aufmerksamkeit schenkt. Diesmal lauter dass auch wirklich jeder in der Post mitkriegt dass sie sauer wird.
“Ich trauere der alten Post nach. Früher ging das alles schneller, da musste man nicht warten bis man drangenommen wird, da war alles besser. Wenn das mein Günther noch erlebt hätte, der hätte sich echauffiert, wirklich, unerhört ist das…”
Da ich gut gelaunt war, wollte ich der alten Dame das geben, was sie so sehnsüchtig in ihrem Leben vermisst – Aufmerksamkeit.
“Den Postkutschen trauern sie wohl auch nach oder?”
“Was erlauben Sie sich, junger Mann?”
Ich bin erstaunt. Warum so unfreundlich? Ich kann nichts dafür, dass ich Menschen die sich überall beschweren ohne Leute direkt anzusprechen nicht leiden kann. Es tut mir aufrichtig leid.
“Ich dachte sie brauchen Aufmerksamkeit, drum wollte ich sie Ihnen geben… Oh, ich verstehe, sie wollten nur die gesamte Postmannschaft die hier für einen Mindestlohn arbeiten kritisieren, obwohl die genug zu tun haben nervige Kunden, die nichts besseres zu tun haben, als ständig rumzumeckern wie früher alles besser war, obwohl sie zwischen Kriegstrümmern des ach-so-tollen-Adi H aufgewachsen sind, wo sie froh sein konnten dass sie was zu fressen hatten, aufgewachsen sind, zu bedienen und dabei noch freundlich zu sein.”
“Das ist unerhört! Sowas! Ich werde mich beschweren!”
“Äh, ja… Wo denn? Zeigen sie mich an, weil ich ihnen Manieren beibringe? Spitzen Idee… Ich will das Gesicht des Richters sehen, echt mal. Und jetzt seien sie so gut und stellen sich in die Reihe wie jeder andere auch, genießen sie ein bisschen Ruhe und lassen sie die Angestellten ihre Arbeit machen, die sie auch sicher ohne Ihren Tadel ganz gut machen…”
Sie schweigt und stellt sich in die Reihe.
Ich bemerke wie es ruhig wird in dem Postamt.
Eine der Postangestellten meint dann plötzlich:
“Der Herr mit den langen Haaren möge bitte hierher zu mir kommen.”
Ich gehe vor und erwarte Tadel, dass ich eine Kundin in die Schranken gewiesen habe.
Sie nimmt meinen Zettel und wickelt meine Angelegenheiten ab.
Ich bin also 5 Leute schneller dran, als ich normalerweise gewesen wäre.
Sie lächelt mich an, überreicht mir mein Paket und wünscht mir einen schönen Tag.
Ich tue dasselbe und gehe, die alte Frau anlächelnd aus dem Postamt raus…
Alte Menschen sind komisch…
Den ganzen Tag frei, nichts zu tun, alle Zeit der Welt und sind trotzdem angefressen…
Komische Spezies…
